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Neufundland ist kein gewöhnliches Reiseziel, sondern eine Welt für sich und unterscheidet sich sehr von den anderen Provinzen in Kanada. Ich klammere jetzt Labrador dabei einmal aus, weil wir diesen Teil der Provinz nicht besucht haben.
Am östlichsten Rand Nordamerikas gelegen, hat die raue Atlantikinsel über Jahrhunderte hinweg eine Kultur bewahrt und geformt, die in ihrer Eigenständigkeit und Herzlichkeit weltweit ihresgleichen sucht. Geprägt durch die tiefe Isolation der abgelegenen Fischerdörfer, hier Outports genannt, und die harten Bedingungen des Meeres, ist eine faszinierende Mikrowelt entstanden.
Wer Neufundland betritt, merkt sofort: Hier ticken die Uhren anders, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine der kuriosesten Besonderheiten der Insel ist die Neufundland-Zeitzone, die Newfoundland Standard Time NST. Im Gegensatz zu fast allen anderen Regionen der Erde, die sich in vollen Stundenabständen voneinander unterscheiden, hat sich Neufundland eine halbe Stunde Zeitverschiebung bewahrt. Ein Überbleibsel aus der Zeit, als Neufundland noch ein eigenständiges Dominion des britischen Weltreichs war und noch nicht zu Kanada gehörte. Als im Jahr 1884 die weltweiten Zeitzonen standardisiert wurden, lag die Hauptstadt St. John's geografisch fast exakt in der Mitte zwischen zwei vollen Zeitzonen. Die stolze Regierung entschied sich im Jahr 1935 ganz bewusst dafür, eine eigene Zeitzone einzuführen, die sich am exakten Sonnenstand der Hauptstadt orientierte. Als Neufundland 1949 der kanadischen Konföderation beitrat, war die Beibehaltung dieser Zeitzone eine Bedingung der Inselbewohner. Neufundland stellt die Uhren im Sommer von März bis November genau wie der Rest Kanadas um, hier auf Newfoundland Daylight Time NDT. Die generelle Verschiebung um 30 Minuten bleibt aber immer gleich. Wenn man die Grenze von der Nachbarprovinz Nova Scotia nach Neufundland überquert, dann wird so das ganze Jahr die Uhr um 30 Minuten vorgestellt.
Auf der Insel sprechen die Menschen anders, und die Natur zeigt sich in ihrer ungezähmtesten Form und es ist ein Ort voller Kontraste, an dem irisch-englische Wurzeln auf kanadische Wildnis treffen und wo das Außergewöhnliche zum Alltag gehört. Abgekürzt wird Neufundland mit NL, was für Europäer verwirrend ist, da wir das mit den Niederlanden verbinden. Ich habe meine Seiten auch mit NFL abgekürzt, was widerum Newfoundlanders verwirrt.
Die Einwohner der Insel nennen sich selbst am häufigsten Newfoundlanders, die weltweit bekannteste Kurzform ist Newfies. Ob das Wort positiv oder negativ aufgenommen wird, hängt aber immer davon ab, wer es sagt. Wenn die Einwohner sich untereinander so nennen, ist es ein Ausdruck von Stolz und Gemeinschaft. Wenn Außenstehende den Begriff unbedacht verwenden, kann er abwertend wirken, da "Newfie-Witze" in Kanada leider eine lange Tradition als Trottel-Witze hatten. Als Tourist fährt man mit dem Wort Newfoundlander immer auf der sicheren Seite.
Der Begriff CFA steht für "Come From Away" und ist die universelle und liebevolle Bezeichnung der Inselbewohner für jeden Menschen, der nicht auf Neufundland geboren wurde. Dabei spielt es keine Rolle, ob man als Tourist für zwei Wochen zu Besuch ist, aus einer anderen kanadischen Provinz stammt oder seit 20 Jahren auf der Insel lebt: wer nicht dort geboren ist, bleibt für immer ein CFA.
Dabei ist der Begriff hier absolut nicht böswillig oder fremdenfeindlich gemeint. Es ist schlicht eine geografische Feststellung, gepaart mit einer großen Portion Neugier. Wenn Einheimische merken, dass man ein CFA ist, so ist das fast immer der Eisbrecher für ein langes Gespräch. Man wird sofort gefragt, woher man kommt, wie es einem auf der Insel gefällt und ob man auch schon genug Fisch gegessen hat.
Der Begriff erlangte weltweite Berühmtheit durch die tragischen Ereignisse vom 11. September 2001. Nach der Sperrung des US-Luftraums mussten 38 internationale Passagierflugzeuge auf dem kleinen Flughafen der neufundländischen Kleinstadt Gander notlanden. Die Neufundländer zeigten eine beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft: Sie öffneten ihre Häuser, kochten für die Fremden, stellten Kleidung bereit und trösteten sie tagelang. Diese berührende Geschichte der Gastfreundschaft wurde im genialen Broadway-Musical Come From Away verarbeitet, das den Begriff weltweit zum Symbol für Menschlichkeit und Zusammenhalt machte.



Die Menschen auf der Insel sprechen einen einzigartigen Dialekt. Durch die jahrhundertelange Isolation der kleinen Fischerdörfer vermischten sich Einflüsse aus Südwest-England und Südost-Irland zu einem völlig eigenen Vokabular, eigenen Grammatikregeln und Redewendungen, auch bekannt als Newfisms.
Das offizielle Standardwerk für diese Besonderheiten ist das Dictionary of Newfoundland English der Memorial University.
Hier nur kurz einige der wichtigsten und skurrilsten sprachlichen Eigenheiten Neufundlands, denen man als Tourist unterwegs begegnet. So offenbart gleich ein Blick auf die Landkarte seltsame Begriffe im Bereich der Landschaft und Geografie. Ein Tickle ist eine sehr schmale, oft tückische Meerenge zwischen zwei Inseln oder einer Insel und dem Festland und hat wenig mit kitzeln zu tun.
Ein Outport ist ein kleines, isoliertes Küstendorf abseits der größeren Städte, das früher meist nur per Boot erreichbar war. Wenn von einer Bridge die Rede ist, meint man überraschenderweise keine Brücke über Wasser, sondern die Veranda, Terrasse oder die Treppe direkt vor der Haustür. Tuckamore werden die dichten, vom harten Atlantikwind verkrüppelten und flach wachsenden Fichten- oder Tannenbäume genannt und Dwai ist ein plötzlicher, kurzer, aber heftiger Schneeschauer oder Regenschauer.
B’y ist das wohl wichtigste Wort der Insel. Es stammt von "Boy" ab, ist heute aber komplett geschlechtsneutral und meint "Freund", "Kumpel" oder "Leute". So ist auch Buddy oder Missus eine universelle Bezeichnungen für Personen, deren Namen man nicht kennt, oder manchmal auch für den eigenen Partner.
Crooked bedeutet hier nicht "krumm", sondern beschreibt eine sehr gelaunte, schlecht gelaunte, zickige oder mürrische Person. "You're crooked today!". Chinched bedeutet komplett vollgestopft oder satt nach einer üppigen Mahlzeit.
Hört man Best kind hat man was richtig gemacht, denn dies ist ein Ausdruck absoluter Zufriedenheit. Bedeutet "Großartig!", "Alles bestens!" oder "Hervorragende Qualität", am nächsten dran ist wohl "vom Feinsten!".
Und zum Schluss noch zwei nette Redewendungen aus dem Alltag: Long may your big jib draw ist ein traditioneller Seemanns-Glückwunsch für die Zukunft. Wörtlich übersetzt: "Möge dein großes Vorsegel immer gut im Wind stehen". Und Stay where you're at ’til I comes where you're to ist ein humorvoller Klassiker für: "Bleib genau da, wo du bist, bis ich zu dir komme".
Die lebendige Folkmusik der Insel ist ein mitreißender Soundtrack aus Geigen, Akkordeons und Storytelling, der in jedem Pub gelebt wird. Leider konnten wir das beim ersten Besuch nicht erleben und es ist auch so gar nicht unsere Musikrichtung.
Aber beim nächsten Urlaub werden wir auf jeden Fall mal in einen kleinen Pub gehen, denn die traditionelle Folkmusik Neufundlands nutzt neben Geige und Akkordeon zwei ganz besondere, selbstgebaute Rhythmusinstrumente, die perfekt den Erfindergeist der Insel widerspiegeln: Der Ugly Stick ist ein traditionelles, selbstgebautes Perkussionsinstrument, das meist aus einem alten Besenstiel oder Moppgriff besteht. Am Ende wird ein alter Stiefel befestigt und oben oft mit einem lustigen Gesicht oder einer Perücke verziert. Entlang des Stiels werden Dutzende von Kronkorken, Metalldeckel und kleine Glocken locker festgenagelt. Der Spieler hält den Stock aufrecht, stößt den Stiefel im Takt der Musik rhythmisch auf den Boden und schlägt gleichzeitig mit einem weiteren Holzstab gegen den Stiel. Das Ergebnis ist ein lautes, metallisches Scheppern, das den Takt der Folk-Songs vorgibt.
Etwas schlichter ist das Lagerophone, gelegentlich auch Zillaboard genannt. Hierbei handelt es sich um ein reines Rhythmusbrett oder einen Stab, der komplett dicht an dicht mit plattgedrückten Kronkorken bespannt ist. Durch das Schütteln oder Reiben mit einem geriffelten Holzstab entsteht ein rasselndes Geräusch, das stark an eine Maraca oder ein Tamburin erinnert und in fast jedem Pub-Konzert zum Einsatz kommt.
Wenn man als Fremder (CFA) die Insel besucht, kann man in vielen Pubs an einem skurrilen, humorvollen Aufnahmeritual Screech-In teilnehmen. Die Zeremonie läuft in festen Schritten ab, siehe unten im Video.
Dabei wird einem meist ein echter, tiefgefrorener oder frischer Kabeljau vor das Gesicht gehalten und man muss sich vorbeugen und dem Fisch einen Kuss auf das Maul geben. Als Belohnung dann noch einen kräftigen Schluck Screech trinken. Das ist ein extrem starker, einheimischer Jamaika-Rum, der historisch im Tausch gegen Salzfisch auf die Insel kam. Nach dem überstandenen Schluck und dem Fischkuss erhält man dann unter dem Jubel des Publikums eine offizielle Urkunde, die einen feierlich zum Ehren-Neufundländer ernennt.

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Das Essen eines Stücks Bologna gehört in vielen Pubs fest zum Ablauf. Diese dicke Fleischwurst (vergleichbar mit unserer Lyoner oder Schinkenwurst) wird auf der Insel humorvoll als Newfoundland Steak bezeichnet. Da frisches Fleisch in den isolierten Küstendörfern früher teuer und Mangelware war, wurde die günstige, haltbare Bologna-Wurst zu einem Hauptnahrungsmittel der Fischer.
Historisch bedingt durch die lange Isolation, mussten die Zutaten für das Essen entweder haltbar, also gesalzen, sein oder direkt aus der rauen Natur der Insel stammen. Traditionelle Seemanns- und Fischerkost wird heute heute in einigen Restaurants von einer kreativen Gastroszene neu entdeckt und interpretiert.
Wir konnten einige bekannte Highlights probieren, wie deftigen Moose Burger aus Elchfleisch. Leider nicht die knusprig frittierten Cod Tongues (Kabeljauzungen), das holen wir noch nach. Frischem Hummer bekommt man in der Saison auch überall, aber die traditionelle neufundländische Küche hat noch einige extrem kuriose Spezialitäten zu bieten.
Jiggs’ Dinner ist das absolute Nationalgericht. Es wird traditionell sonntags gegessen und besteht aus Salzfleisch, das stundenlang zusammen mit Kartoffeln, Rüben, Möhren und Kohl in einem einzigen großen Topf totgekocht wird. Dazu reicht man Pease Pudding, Erbsenpüree der im Tuch gekocht wird und oft eingelegte Senfgurken.
Fish ’N’ Brewis wird Bruis ausgesprochen und ist ein uraltes Seemannsessen. Es besteht aus getrocknetem, gesalzenem Kabeljau und steinhartem Schiffszwieback. Beides wird über Nacht in Wasser eingeweicht, gekocht und am Ende grob zerstampft.
Das bekommt man nicht so oft, während Toutons die neufundländische Antwort auf Pfannkuchen sind. Es sind Portionen von frischem Brotteig, die in der Pfanne in Schweineschmalz oder fettem Speck flach frittiert werden. Sie sind außen knusprig, innen weich und werden traditionell mit Molasse (Zuckerrübensirup) zum Frühstück gegessen.
Wenn jemand FDG besetllt, dann ist das Fries, Dressing and Gravy, eine lokale Fast-Food-Spezialität die man in fast jeder Frittenbude bekommt. Pommes werden hier nicht mit Mayo oder Ketchup serviert, sondern mit einer dicken Schicht Truthahn-Füllung (Dressing) die aber nicht aus Fleisch, sondern aus Semmelbröseln und regionalem Bohnenkraut (Savory) besteht. Dann noch eine Kelle heiße Bratensoße (Gravy) darüber, damit die Brösel schön aufsaugen und matschig werden.
In Nordamerika versteht man unter Dressing die traditionelle Gewürzmischung, mit der ein Truthahn zu Thanksgiving oder Weihnachten gefüllt wird. Auf Neufundland hat man das Fleisch einfach weggelassen und die nackte Füllung zu einer eigenen Beilage gemacht.
Im Supermarkt im Gemüseregal fanden wir im Mai und Juni ganze Stiegen mit Fiddleheads zum selbst abwiegen. Das sind Farnspitzen, also die ziemlich zusammengerollten Triebe von Farnen. Kann man als Gemüse dünsten oder als Salat machen, aber - das stand auch an den Kisten - die Farnspitzen müssen immer gekocht werden und dann bei Bedarf mit Eiswasser abgeschreckt, da sie das Enzym Thiaminase enthalten, welches das wichtige Vitamin B1 (Thiamin) im Körper abbaut - das ist nicht gesund. Die 8 Minuten gekochen Spitzen sollten auch nicht zu bitter sein!
Beliebt ist auch die angepasste Version des aus Halifax stammenden Donair zum Newfoundland-Donair: Am Spieß gegrilltes Rinderhack oder sogar vom richtigen Döner-Spieß geschnittenes Fleisch im Fladenbrot oder auf der Pizza mit einer speziellen, hier sehr süßen Sauße. Ja, es ist sehr ähnlich dem Döner und wurde 1973 vom griechischen Einwanderer Peter Gamoulakos entwickelt, nachdem sein Gyros aus Lamm nicht so gut ankam.
Die sicher spannenden Rezepte für viele dieser Sachen und mehr kanadische Spezialitäten finden sich im Kochbuch More Than Poutine von Marie Porter.





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