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STANLEYVILLE TRAIL

Da unser Campground an der Bonne Bay keine eigene Entsorgungsstation hatte, mussten wir bei der Weiterfahrt nach Rocky Harbor die an der Straße oberhalb vom Lomond Campground gelegene Dumping Station nutzen. Da wir Zeit hatten und dort sowieso vorbei kamen beschlossen wir, noch eine kleine Wanderung in der Region zu machen.

Direkt am bewaldeten Ufer des Fjords liegt der modernisierte Lomond Campground, eingebettet in das Tal des Lomond River im Südosten des Parks. Er verfügt über einen eigenen Bootssteg und eine Slipanlage für Boote, hat aber nur Stellplätze ohne Service.

Als wir hier ankamen, war sehr wenig los, und nur ein paar Besucher und Camper verteilten sich auf dem großen, grasigen Gelände mit fantastischer Aussicht auf den Fjord. Das Wetter war prächtig, mit einigen Wolken und überwiegend blauem Himmel. Uns hat es hier sehr gut gefallen, aber wir wollten ja an diesem Tag noch weiter auf die andere Seite nach Rocky Harbour.

Im Sommer ist hier sicher viel mehr los. Da der East Arm der Bonne Bay durch die umliegenden Berge gut vor den starken Sommerwinden geschützt ist, gilt er als das beste Revier für Kajaktouren im gesamten Park. Im Hochsommer erwärmt sich die Oberfläche des Salzwassers auf angenehme 15 bis 20 °C.

Wir parkten den Camper und nutzten erst einmal die sehr sauberen Waschräume, direkt dahinter begann auch schon der Wanderpfad nach Stanleyville.

Die lohnenswerte und historisch geprägte Route verbindet die unberührte Natur Neufundlands mit den Spuren einer verlassenen Siedlung aus dem frühen 20. Jahrhundert. Da hatten wir uns allerdings etwas mehr von versprochen, denn bis auf ein einziges rostiges Eisenteil war am Ende von Zivilisationsspuren wenig zu entdecken. Entlang des Weges und in der Nähe der Bucht soll man im Unterholz immer wieder auf verrostete Überreste alter Holzfällerausrüstungen und Kesselwagen stoßen, doch aus Angst vor Zecken kriechen wir nicht gerne im Unterholz herum und verlassen auch nicht unbedingt die Wanderwege.

Der ca. 5 Kilometer lange Weg, den man auch wieder zurückgehen muss, beginnt direkt im Lomond Campground. Er führt über eine steile, bewaldete Anhöhe und hinab zur Bucht Paynes Cove. Der Pfad verläuft durch eine Mischung aus altem Waldbestand und jüngerem Forst, der eindrucksvoll zeigt, wie sich der Wald nach dem Kahlschlag der Holzfällerzeit regeneriert hat. Mit etwa 1,5 bis 2 Stunden reiner Gehzeit sollte man rechnen. Natürlich haben wir mal wieder viel länger gebraucht als andere, weil wir bei jedem Vögelchen stehen bleiben und versuchen, ein Foto zu machen. Oft gelingt das nur mäßig, hier waren allerdings sehr viele unterschiedliche kleine Pieper unterwegs.

Es geht einmal steil über einen Hügelkamm auf 114 Meter Höhe und auf der anderen Seite über Stufen im Wald wieder hinab bis auf Meeresniveau. Es muss in der Region auch massig Elche geben, auch wenn wir keinen einzigen gesehen haben. Leider laufen sie wohl sehr gerne auf dem Wanderweg, denn der war regelrecht übersät mit ihren runden, braunen Hinterlassenschaften.

Man wandert hier im wahrsten Sinne des Wortes auf Stufen voller Elchkacke, und wir haben uns die ganze Zeit gewundert, wie die massigen Tiere es schaffen, genau die schmalen Holzstufen zu treffen.

Ein faszinierendes Detail am Wegrand kurz vor Erreichen der Bucht sind die Gartenpflanzen und Rhabarberstauden, die hier einst von den Siedlern angepflanzt wurden. Sie überdauern bis heute mitten im borealen Wald.









Paynes Cove

Der Weg öffnet sich am Ende zu einer idyllischen, ruhigen Bucht mit mit einer Bachmündung und einem wunderschönen Kiesstrand und grasbewachsenen Lichtungen, die perfekt für ein Picknick sind. Wir waren hier komplett alleine unterwegs und haben auch auf dem Rückweg keinen anderen Menschen getroffen.

Die Geschichte von Stanleyville ist eng mit dem Boom und dem späteren Wandel der kanadischen Holzindustrie um die Jahrhundertwende verknüpft. Der Ort war die erste kommerzielle Holzfällersiedlung in der Region des heutigen Gros-Morne-Nationalparks.

Es begann im Jahr 1895, als die zwei Brüder John und Scobie McKie aus Nova Scotia an der Bucht Payne’s Cove ein dampfbetriebenes Sägewerk errichteten. Es war das erste kommerzielle Dampfsägewerk der gesamten Region. Um das Werk herum entstand eine kleine, autarke Siedlung. Laut historischen Volkszählungen lebten im Jahr 1901 knapp 48 Einwohner fest in Stanleyville, und alle Familien arbeiteten ausnahmslos in der Holzindustrie.

Paynes Cove ist auf zwei Wegen erreichbar, da es niemals eine Straßenverbindung gab: durch die gut 2 km lange Wanderung auf dem Stanleyville Trail oder über den Wasserweg.

Bis zum Jahr 1910 wuchs der Betrieb stark an, und das Sägewerk beschäftigte bereits 60 Männer, die das dichte Nadelholz der rundum liegenden borealen Wälder schlugen und verarbeiteten. Im Jahr 1916 kaufte ein britisches Großunternehmen mit dem sperrigen Namen "St. Lawrence Timber, Pulp, and Steam Ship Company" das Werk auf. Die neuen Besitzer merkten jedoch schnell, dass die Bucht in Stanleyville zu klein für eine industrielle Großexpansion war, und die am leichtesten erreichbaren Holzvorräte im direkten Umkreis waren bereits erschöpft.

Im Jahr 1918 packte die Firma das gesamte Sägewerk ein und verlegte es wenige Kilometer weiter nach Murphy's Cove, genau dorthin, wo sich heute der Lomond Campground befindet. Dort bauten sie das damals größte Sägewerk Neufundlands auf, inklusive moderner Wohnhäuser, Schulen und Kais für Transportschiffe. Die Arbeiter zogen dem Werk natürlich aus der Einsamkeit hinaus hinterher, und der Ort Stanleyville wurde schlagartig verlassen.

Über 50 Jahre lang war Stanleyville komplett unbewohnt. Nachdem die Menschen abgezogen waren, eroberte der Wald die Lichtungen zurück.

Als der Gros-Morne-Nationalpark in den 1970er-Jahren gegründet wurde, wurde auch das benachbarte Lomond stillgelegt und die gesamte Region renaturiert. Heute gibt es in Paynes Cove exakt 3 sehr einfache Zeltstellplätze direkt am Ufer. Vorhanden sind lediglich ein Plumpsklo und Picknicktische, es gibt keine künstlichen Zeltplattformen, und die Camping-Saison für diese Plätze läuft von Mitte Mai bis Mitte Oktober. Das Plumpsklo war in schlechtem Zustand und ohne Dach - im Regen sehr schön - von den Picknicktischen haben wir immerhin einen gesehen. Zwei schöne rote Sessel standen am Ufer.

Wir waren begeistert von dem weitläufigen Kiesstrand, der von weichen, grasbewachsenen Lichtungen gesäumt wird, den ehemaligen Standorten der Wohnhäuser der Siedler. Da es sich um eine geschützte Salzwasserbucht handelt, kann man mit etwas Glück vom Strand aus Robben oder Seevögel beobachten, die in den fischreichen Gewässern der Bonne Bay jagen. Die Bucht liegt eingebettet in dichten borealen Wald, bietet aber gleichzeitig den freien Blick auf die rauen, kargen Gebirgsformationen des Parks, was einen beeindruckenden landschaftlichen Kontrast bildet.

Von einem Aussichtspunkt am gegenüberliegenden Ufer konnten wir die Bucht später bei einem Stopp gut erkennen, weil wir nach dem Besuch wussten, wonach wir suchen mussten.











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