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L'ANSE AUX MEADOWS

Ganz an der Spitze der Great Northern Peninsula, dort wo Newfoundland förmlich ins Meer ausläuft, liegt einer der bedeutendsten archäologischen Orte Nordamerikas: L'Anse aux Meadows. Hier, an einer unscheinbaren Bucht mit Moor und Grasland, landeten vor über 1.000 Jahren die ersten Europäer auf nordamerikanischem Boden, lange bevor Kolumbus überhaupt geboren wurde.

Um das Jahr 1000 n. Chr. errichtete eine Expedition von Grönland aus ein kleines Lager aus Holz- und Torfbauten an dieser Stelle. Getrieben wurden sie von der Suche nach Holz, welches es auf Grönland nicht gab und welches teuer aus Islands schrumpfenden Beständen und sogar aus Norwegen importiert werden musste.

Nach den isländischen Sagas, der Saga von Erik dem Roten und der Grönländer-Saga, war es Leif Erikson, der auf seiner Fahrt von Grönland aus westwärts segelte und auf ein Land stieß, das die Nordmänner "Vinland" nannten. Archäologische Funde legen nahe, dass L'Anse aux Meadows als Basislager für diese Vinland-Expeditionen diente, ein Ausgangspunkt für weitere Erkundungen, die die Wikinger vermutlich noch weiter nach Süden führten. An der Spitze der Great Northern Peninsula gelegen war der Ort für die Seefahrer aus jeder Richtung einfach zu finden, hatte flache Strände und etwas fruchtbares Land dahinter im Gegensatz zu den sonst üblichen felsigen Klippen, und dazu noch eine permanente Süßwasserversorgung durch einen größeren Bach von einem Binnensee her.

Wie lange die Nordmänner tatsächlich hier waren, lässt sich nicht genau sagen. Vermutlich handelte es sich nicht um eine dauerhafte Siedlung, sondern um ein saisonal genutztes Lager, das über mehrere Jahre als Stützpunkt diente. Entdeckt wurden acht Gebäude aus Holz und Torf: drei größere Hallen, mehrere Werkstätten und eine Schmiede. Die große Haupthalle war rund 33 Meter lang und fünf Meter breit, mit meterdicken Torfwänden und vier Kaminen im Dach, durch die der Rauch der Kochfeuer entweichen konnte. Man geht davon aus, dass rund 60 Männer etwa zwei Monate gebraucht hätten, um die drei Wohnhäuser, vier Werkstätten und die Schmiede zu errichten.

Ausgegraben wurden unter anderem Reste von Eisen- und Holzbearbeitung, vermutlich für Schiffsreparaturen, sowie Spuren, die auf Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung hindeuten, die in den Sagas als "Skrælinger" bezeichnet wird. Entdeckt wurde der Ort erst 1960 durch den norwegischen Forscher Helge Ingstad und seine Frau, die Archäologin Anne Stine Ingstad, nachdem sie jahrelang die Atlantikküste nach Orten aus den Sagas abgesucht hatten.

Ein Ortskundiger, George Decker, führte sie schließlich zu einigen auffälligen Erdhügeln in der Nähe des Dorfes, der Rest ist Archäologiegeschichte. 1978 wurde L'Anse aux Meadows zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Unser Besuch begann auf dem großen Parkplatz vor dem Besucherzentrum von Parks Canada, wo wir mit Glück noch einen Platz für den Camper fanden, weil gerade jemand wegfuhr. Im Inneren erwartet einen ein einführender Film über die Wikingerfahrt und die Entdeckung des Ortes sowie eine Ausstellung mit Originalfunden aus den Ausgrabungen, darunter Werkzeuge, Nägel und andere kleine Alltagsgegenstände, die den Beweis für die nordische Präsenz lieferten. Michael war wie immer begeistert von dem maßstabsgetreuen Modell, das zeigt, wie die Siedlung vor rund 1.000 Jahren ausgesehen haben könnte, ergänzt um eine Nachbildung eines Færing-Bootes im Maßstab 2:3.

Vom Besucherzentrum führt dann durch eine Glastür ein Weg hinunter zu den nachgebauten Torfhäusern und der eigentlichen Ausgrabungsstätte daneben. Unterwegs passiert man die Skulptur "Meeting of Two Worlds", ein Kunstwerk, das das symbolische Aufeinandertreffen zweier Welten darstellt: der ursprünglich aus Afrika stammenden Ureinwohner, die sich über Jahrtausende nach Osten über Alaska ausgebreitet hatten, und der Europäer, die über Skandinavien und Island nach Westen kamen und sich hier, an diesem Punkt der Erde, schließlich trafen. Ein eindrückliches Bild dafür, dass sich hier zwei uralte menschliche Wanderbewegungen nach jahrtausendelanger Trennung wieder begegneten.








Grasnarbenhäuser

Am Ende des Weges liegen die rekonstruierten Grasnarbenhäuser. Sie wurden originalgetreu nach den Abmessungen der Fundamente nachgebaut, die die Archäologen freigelegt haben - natürlich an etwas anderer Stelle. Drinnen ist es angenehm warm, denn in der Haupthalle brennt ein offenes Feuer, heute betrieben mit einem rauchfreien Gasbrenner. Hier kann man sich schön aufwärmen und kostümierte Darsteller in Wikingerkleidung erzählen von Alltag, Handwerk und den Sagas. Je nach Saison und Aktivität kann man den Darstellern beim Schnitzen, Schmieden von Eisen und beim Weben zusehen und bekommt einen lebendigen Eindruck davon, wie hart und gleichzeitig geschäftig das Leben in einem solchen Lager gewesen sein muss.

Im Außenbereich sind zwar immer viele Besucher unterwegs, aber wenn man kurz abwartet, kann man auch Bilder ohne Menschen machen. Die Häuser sind sehr schön aus Erdblöcken gebaut, im Inneren der größeren Gebäude gibt es einige Stützpfeiler aus Holz, und die Dächer sind wie die Wände mit Grassoden gedeckt. Dann geht man noch in einer Schleife ein Stück an den eigentlichen alten Ausgrabungsstellen und Fundamenten vorbei. Mehr als kleine Wälle mit Grasnarbe ist hier allerdings nicht mehr zu sehen. Wer Zeit und Lust hat, kann noch einige Wanderwege in der näheren Umgebung erkunden.

Nach dem Besuch von L'Anse aux Meadows sind wir mit dem Camper bis nach World"s End gefahren und haben dort geparkt, um den Slide-out auszufahren und eine Mittagspause mit Blick aufs Wasser einzulegen. Ein passender Name für einen Ort so weit im Norden, an dem das Land buchstäblich ins Meer übergeht.

Leider haben wir auf der Rückfahrt die Abzweigung zum Leif-Erikson-Denkmal verpasst, eine rund drei Meter hohe Bronzestatue, die am Hafen von L'Anse aux Meadows steht, nur wenige Schritte von Norstead entfernt. Das ist ein privat betriebenes, nachgebautes Wikingerdorf mit dem originalgetreuen Nachbau des Wikingerschiffs Snorri. Sie ist die Nachbildung eines Wikinger-Handelsschiffs, die 1998 tatsächlich die historische Route von Grönland nach Neufundland gesegelt ist. Solche Handelsschiffe sind breiter und plumper als die eher bekannten Langboote mit vielen Ruderern, konnten aber etliche Tonnen Fracht befördern.

2027 werden wir direkt daneben wohnen: Wir haben ein Cottage in unmittelbarer Nähe gebucht und werden dann reichlich Gelegenheit haben, uns alles in aller Ruhe anzusehen.

Den krönenden Abschluss des Tages gab es auf der Rückfahrt: Am Straßenrand stand, scheinbar völlig unbeeindruckt vom vorbeifahrenden Verkehr, unser allererster Elch, ein junger Bulle. Nach all den Geschichten über Elch-Warnschilder auf dem Viking Trail war es ein besonderer Moment, endlich einmal selbst eines dieser imposanten Tiere zu sehen.














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