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TABLELANDS

Schon von weitem fallen diese Berge auf: Anfang Juni noch mit Schneeflecken bedeckt und in einer anderen Farbe als sonst hoch aufragend über die restliche Landschaft. Ein früher Start an den Tablelands zahlt sich aus, denn in den stillen Morgenstunden entfaltet diese surreale Hochebene ihre ganze archaische Wucht. Schon auf dem Weg von unserem Campground am Ufer der Bonne Bay bis hierher sahen wir die ersten Highlights

Die ersten Aussichtspunkte, nachdem man das Dicovery Center passiert hat, sind um diese Zeit noch menschenleer und wir konnten uns auf die roten Stühle setzen und die Aussicht genießen. Wir sahen unseren ersten und einzigen dunklen Fuchs. Ein Silberfuchs, dabei handelt es sich um eine faszinierende Farbvariante des Rotfuchses, die genetisch bedingt ist. Auf Neufundland kommen diese dunklen Varianten mit Melanismus deutlich häufiger vor als auf dem nordamerikanischen Festland. Sein Fell ist fast durchgehend glänzend schwarz bis dunkelgrau, oft mit silbrig schimmernden Haarspitzen an den Flanken und fast immer mit der typischen weißen Schwanzspitze, die ein Erkennungsmerkmal für alle Rotfüchse ist.

Der Haupt-Parkplatz, den wir nach 4 Kilometern Fahrt am Tablelands Trailhead erreichten, war noch fast leer und es wehte ein kräftiger Wind.

Der Weg hier ist einfach zu begehen und nur 4 Kilometer lang, dabei muss man hier auch nur 88 Höhenmeter überwinden. Ein Spaziergang hier wirkt wie ein Gang auf einem fernen Wüstenplaneten oder tief im Inneren der Erde.

Die Entdeckung der Tablelands als weltweite geologische Sensation ist eng mit der Durchsetzung der modernen Theorie der Plattentektonik in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren verknüpft. Bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert bemerkten Geologen wie Alexander Murray und James Howley bei ersten geologischen Landesaufnahmen Neufundlands, dass die kargen, rostroten Hochflächen aus seltenem Gestein wie Peridotit und Serpentinit bestehen. Damals fehlte jedoch das theoretische Modell, um zu erklären, wie Material aus dem Erdinneren überhaupt auf ein Festland gelangen konnte. Man hielt sie meist für lokale vulkanische Schmelzaufstiege.

Die entscheidende Wende brachte der neufundländische Geologe Harold "Hank" Williams von der Memorial University of Newfoundland. Ende der 1960er-Jahre war er her unterwegs, kartierte die Geologie Neufundlands und wendete die damals noch junge und umstrittene Theorie von Tuzo Wilson (Wilson-Zyklus/Plattentektonik) an. 1968 bis 1971 publizierte er bahnbrechende Arbeiten, in denen er nachwies, dass die Tablelands und das umliegende Gebirge kein gewöhnliches Gebirge sind, sondern ein intakter und vollständiger Querschnitt aus urzeitlichem Ozeanboden samt darunterliegendem oberem Erdmantel.

Allgemein bekannt ist ja die Entstehung unserer heutigen Kontinente durch das Zerbrechen des Urkontinents Pangäa. Durch den langsamen Vorgang des Auseinanderschiebens durch Bildung von Meeresboden an der Mittelatlanischen Schwelle gibt es am Ufer des Atlantik keinen Meeresboden, der älter ist als 200 Millionen Jahre. Aber auch Pangäa hat sich aus dem Zusammenschieben vorher bestehender einzenler Kontinente gebildet, wobei damals existierende Küstenlinien aufeinanderprallten. Am Rand der Tablelands wurde Meeresboden gefunden, der mehr als doppelt so alt war.

Williams zeigte auf, dass beim Schließen des Iapetus-Ozeans vor rund 450–500 Millionen Jahren der Meeresboden und der Erdmantel nicht nach unten gezogen wurden, sondern durch Obduktion nach oben auf den alten nordamerikanischen Kontinentalrand geschoben wurden. Das ist eine Besonderheit, denn der Meeresboden ist schwerer als die Kontinentalkruste und schiebt sich normalerweise darunter. Hier machte wohl eine kleine vulkanisch Inselkette vor der Küste den Unterschied. Williams’ Nachweis, dass die Tablelands den Erdmantel unter freiem Himmel sichtbar machen, galt als einer der schlagendsten praktischen Beweise für die Plattentektonik weltweit. Geologen aus aller Welt reisten fortan nach Neufundland, um den Erdmantel zu Fuß zu betreten.

Geologisch betrachtet ist diese Landschaft eine weltweite Sensation und der Hauptgrund, dass das Gebiet 1973 als Gros-Morne-Nationalpark geschützt und 1987 zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt wurde. Was hier offen an der Oberfläche liegt, stammt direkt aus dem oberen Erdmantel, der normalerweise kilometertief unter der Erdkruste verborgen liegt. Vor Hunderten Millionen Jahren wurden diese Gesteinsschichten bei der Kollision zweier Urkontinente durch gewaltige tektonische Kräfte nach oben gepresst. Bei diesem gigantischen Zusammenstoß wurde ein riesiges Stück des Erdmantels wie von einem Bulldozer nach oben auf das Festland geschoben. Der Gros-Morne-Nationalpark ist einer der ganz wenigen Orte auf unserem Planeten, an dem man den Erdmantel direkt betreten und diese Steine in die Hand nehmen kann, die normalerweise dutzende Kilometer unter unseren Füßen tief unter der Erdkruste im Erdmantel existieren.

Das ursprüngliche Gestein ist Peridotit, welches sich durch Druck und Wasser in Serpentinit verwandelt. Es enthält extrem viel Eisen. Sobald dieses Gestein an die Erdoberfläche gelangt und mit Sauerstoff sowie Regen in Berührung kommt, oxidiert es. Das bedeutet, das Gestein rostet.Dadurch färbt sich die gesamte Landschaft der nahen Tablelands in ein leuchtendes Orange-Braun.

Es wachsen dort kaum Pflanzen, weil das Gestein für Pflanzen giftige Mengen an Magnesium, Nickel und Chrom enthält, aber kaum Nährstoffe bietet, weshalb die Region exakt wie eine leblose, außerirdische Mars-Landschaft aussieht. An frischen Bruchstellen oder unter abgeplatzten Krusten kommt hingegen das eigentliche, tief dunkelgrüne bis pechschwarze Innere des Serpentinits zum Vorschein.

Es zeichnet sich durch eine wachsartige, glänzende, dunkelgrüne bis schwarze Oberfläche aus, die von hellen, weißen Adern aus Calcit oder Chrysotil durchzogen ist. Dieses netzartige Muster erinnert stark an die Schuppenhaut einer Schlange, weshalb das Mineral als Schlangenstein oder Serpentine bezeichnet wird.

Die NASA nutzt die Tablelands als Mars-Analog-Station. Wenn Wasser durch die Spalten des Serpentinit-Gesteins fließt, entsteht eine hochalkalische Quelle, die Methan freisetzt. Wissenschaftler untersuchen dieses Phänomen hier auf der Erde, um zu verstehen, wie mikroskopisch kleines, Leben auf dem Mars existieren könnte.








Der Trail

Der heutige Wanderweg verläuft auf einer alten, nie fertiggestellten Schottertrasse, die einst die Küstenorte verbinden sollte, bevor das Gebiet unter Schutz gestellt wurde. Da es sich um eine völlig offene und baumlose Hochebene handelt, ist man dort dem Wind und der Sonneneinstrahlung absolut ungeschützt ausgesetzt, weshalb fester Sonnenschutz und winddichte Kleidung vor Ort sehr wichtig sind.

Aufgrund dieser extremen mineralischen Zusammensetzung und der hohen Konzentration an Schwermetallen ist der Boden für die allermeisten gewöhnlichen Pflanzen giftig. Dennoch ist das Tal keineswegs völlig kahl, denn einige hochspezialisierte Überlebenskünstler haben erstaunliche Nischen besetzt. Neben zähen Flechten und Moosen fallen vor allem die fleischfressenden Pflanzen ins Auge, allen voran die Rote Schlauchpflanze (Sarracenia purpurea), die offizielle Provinzemblem-Blume Neufundlands.

Die Purpurrote Schlauchpflanze (Purple Pitcher Plant) hat auffällige rote bis purpurfarbene Blätter, die zu kleinen Schläuchen oder Kelchen umgebildet sind. Darin sammelt sich Regenwasser. Da sie aus dem Boden keine Nährstoffe ziehen kann, deckt sie ihren Stickstoffbedarf über Insekten, die in ihren mit Regenwasser gefüllten Trichtern ertrinken und verdaut werden. Angelockt von der Farbe und von süßlichen Duftstoffen landen sie auf dem Rand des Kelches und können leicht hineinrutschen. Die Innenseite ist glatt und mit nach unten gerichteten Haaren versehen, wieder herauszuklettern ist deshalb schwierig. Am Boden des Kelches befindet sich eine Flüssigkeit, in der das gefangene Insekt schließlich zersetzt wird, dann kann die Pflanze die dabei frei werdenden Nährstoffe aufnehmen.

Die Schlauchpflanze wächst hier auf den Tablelands allerdings nicht direkt auf dem trockenen, kargen Peridotit. Sie findet sich vor allem in den feuchten Moor- und Sumpfbereichen, wo das Wasser zwar vorhanden ist, der Boden aber nur wenig verfügbare Nährstoffe bietet. Genau diese Kombination ist ideal für fleischfressende Pflanzen, da es wenig Konkurenz gibt.

Anfang Juni waren sie noch klein und hatten keine Blüten. Dazwischen ducken sich zarte Fettkräuter, arktisch-alpine Hungerblümchen und extrem verkrüppelte Fichten, die sich flach an den felsigen Untergrund schmiegen um Wind und Kälte zu trotzen. Wegen der empfindlichen und extrem langsamen Vegetation sollte man unbedingt auf dem markierten Pfad bleiben.

In den schattigen Mulden und an den steilen Flanken der Hochebene hielten sich Anfang Juni noch kompakte, strahlend weiße Schneefelder, die einen spektakulären Kontrast zum warmen Orangerot des Gesteins bildeten. Weiter unten am Waldrand traten am frühen Morgen zwei Karibus hervor, die gemächlich über das Geröll zogen und an den wenigen saftigen Flechtenpolstern ästen. Ohne Menschen in der Nähe strahlten die Tiere eine vollkommene Ruhe aus und ließen sich aus respektvoller Distanz wunderbar beobachten.

Wir erreichten die letzte Plattform mit schönem Ausblick auf die Berge und einen kristallklaren Bach mit kleineren Wasserfällen. Einen Moment lang waren wir hier ganz alleine und genossen das prächtige Wetter und sogar den Wind.

Die fast meditative Einsamkeit hielt allerdings exakt bis kurz nach 10:00 Uhr an, als wir schon fast wieder zurück am Parkplatz waren Pünktlich zur ersten großen geführten Ranger-Tour strömten zahlreiche Ausflügler und ein Tourbus auf den Parkplatz, der war plötzlich komplett voll. Der Weg füllte sich rasch und die unberührte Stille der weiten Felswüste wich schlagartig einer großen Gruppe laut erzählender Menschen.

Da haben wir gemacht, dass wir wieder weg kamen und sich weiter in Richtung Trout River gefahren.














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