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AN DER KÜSTE

Nachdem wir uns am Morgen das Lobster Cove Head Lighthouse und die kleinen, felsigen Strände der Umgebung angesehen hatten, ging unsere Fahrt bei schönstem Sonnenschein in Richtung Norden. Die gleiche Strecke mussten wir am nächsten Tag noch einmal fahren, um nach St. Anthony zu kommen. Doch wie so oft in Newfoundland änderte sich das Wetter am späten Abend, und der nächste Fahrtag war Grau in Grau – es regnete ununterbrochen. Wie gut, dass wir am Vortag schon so viel von der Region gesehen hatten. Denn das touristische Highlight der Gegend stand an diesem Tag ohnehin nicht auf unserem Programm: Der knapp drei Kilometer lange Weg zum Western Brook Pond und die anschließende Bootsfahrt waren für diesen Tag bereits komplett ausgebucht. Wer hier spontan unterwegs ist, braucht schon etwas Glück. Alle, die für den nächsten Tag vorgebucht hatten, taten uns allerdings leid: Für 198 CAD für zwei Personen fuhren sie zwei Stunden lang durch den Regen und sahen von den gewaltigen Bergen kaum mehr als wolkenverhangene Umrisse.

Wir fuhren an diesem Traumtag weiter nach Norden: Links lag der Golf von St. Lawrence mit seiner offenen Küste, rechts erhoben sich die Long Range Mountains und dahinter lag das Landesinnere. Die Route 430 folgt hier über weite Strecken sehr schön der Westküste des Nationalparks. Vom Lobster Cove Head Lighthouse aus verändert sich die Landschaft schnell. Hinter Rocky Harbour wird die Küste einsamer und auch der Verkehr nimmt deutlich ab. Links liegen das Meer, felsige Buchten und kleine Strände, dazwischen vom Wind geformter Tuckamore. Rechts sieht man zunächst noch die Ausläufer der Long Range Mountains und ausgedehnte Wälder.

Je weiter wir nach Norden kamen, desto stärker zog sich die Berglandschaft vom Meer zurück. Zwischen Küste und Bergen breiteten sich nun weite, teilweise sumpfige Küstenebenen aus. Die Landschaft wirkte zunehmend wild und menschenleer.

Kurz nördlich von Rocky Harbour liegt rechts der Berry Head Pond. Der kleine Rundweg führt durch Wald und Feuchtgebiete um einen typischen Küstenteich; die ersten etwa 350 Meter sind als Boardwalk ausgebaut. Das Gebiet ist besonders interessant für Sing- und Wasservögel. Den wollten wir eigentlich auf der Rückfahrt wandern. Da wir dort allerdings keinen freien Parkplatz bekamen, entschieden wir uns stattdessen für den Berry Hill. Der Aufstieg war eine gute Entscheidung, denn am Ende des Tages hatten wir von oben noch einmal einen schönen Überblick über die Landschaft.

Etwa zehn Kilometer nördlich von Rocky Harbour erreicht man Bakers Brook. Hier beginnt der Coastal Trail, den wir diesmal leider verpasst haben. Der rund sechs Kilometer lange Hin- und Rückweg folgt der Küste bis nach Green Point. Ursprünglich war dies ein Teil der Winterpostroute zwischen den kleinen Fischersiedlungen Bakers Brook und Green Point. Diesen Weg wollen wir bei unserem nächsten Besuch 2027 auf jeden Fall nachholen.

Weiter nördlich folgt der sehr große Parkplatz für die Besucher des Western Brook Pond. Von der Straße aus lässt sich die gewaltige Dimension dieses ehemaligen Gletscherfjords kaum erahnen. Erst wenn man den etwa drei Kilometer langen Weg durch Wald und Moor bis zum Wasser zurücklegt, öffnet sich der Blick auf die spektakuläre Fjordlandschaft. Auch diesen Ausflug werden wir 2027 nachholen.

Kurz danach kommt Broom Point. Hier steht eine restaurierte traditionelle Fischersiedlung, die von den drei Mudge-Brüdern und ihren Familien von 1941 bis 1975 als Sommerstation genutzt wurde. Sie lebten dort in einer einzigen kleinen Hütte – ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Im Sommer gingen die Männer zum Fischen hinaus, während die Fänge anschließend verarbeitet und für den Winter haltbar gemacht wurden. Broom Point vermittelt deshalb einen sehr anschaulichen Eindruck vom früheren Leben der Fischerfamilien an der Westküste.

Von Broom Point führt der kurze Steve's Trail zur Küste. Er ist nur etwa 900 Meter lang und führt durch Tuckamore zu einer Wiese und schließlich hinunter zum Meer. Von dort hat man einen schönen Blick auf die Mündung des Western Brook und die Long Range Mountains. In einer kleinen Bucht liegt außerdem ein Friedhof aus dem 19. Jahrhundert. Auch diesen kurzen Abstecher haben wir diesmal ausgelassen – man kann schließlich nicht alles schaffen.

Weiter nördlich folgt St. Paul's, eine kleine ehemalige Fischergemeinde an der St. Paul's Bay. Die Küste wird hier flacher und die Landschaft wirkt weit und fast menschenleer. Ein Heritage Trail führt durch Sümpfe, Wiesen und die Küstenlandschaft. Hier bekommt man noch einmal einen ganz anderen Eindruck vom Gros Morne: weniger spektakuläre Berge, dafür eine stille, offene Landschaft, die stark von Meer, Wind und der früheren Fischerei geprägt ist.








Martin's Point und die SS Ethie

Eine längere Pause machten wir an einem kleinen Strand, der uns vor allem fotografisch begeisterte. Ein kleiner Parkplatz, zwei rote Adirondack Chairs mit Aussicht, eine Treppe und schon steht man an einem steinigen Strand, der übersät ist mit rostigen Fragmenten einer Katastrophe.

Die SS Ethie war ein 47 m langer, 1900 in Glasgow gebauter Passagier- und Frachtdampfer der Reid Newfoundland Company. Am 11. Dezember 1919 geriet sie auf der Fahrt von Daniel's Harbour nach Cow Head in einen schweren Sturm. Der Kapitän entschied sich, das Schiff bei Martin's Point absichtlich auf den Strand zu setzen, um die Menschen an Bord zu retten.

An Bord waren 92 Passagiere und alle überlebten die Havarie, das macht diese Geschichte so außergewöhnlich. Aus dem Unglück entstand die berühmte lokale Erzählung von einem Neugeborenen, das in einem Postsack an Land gebracht worden sein soll. Diese Geschichte wurde später als Folklore entlarvt. Tatsächlich wurde das Baby vom Purser Walter Young gerettet.

Heute liegen noch einige Teile des rostigen Schiffsrumpfes am Strand: einige genietete Streifen der Bordwand, die dort doppelt so dick war, oder massive Seilwinden, Teile der Dampfmaschine und Schraubenwellen. Besonders bei Ebbe kann man zwischen den Resten der Ethie herumgehen und sich vorstellen, wie der Dampfer hier vor mehr als 100 Jahren abseits der gefährlichen Klippen auf den Kieselstrand lag. Wir fotografierten begeistert die rostigen Reste und entdeckten dabei auch die wunderschönen Steine mit ihren ganz unterschiedlichen Mustern und Farben. Für uns war das einer dieser ungeplanten Stopps, die sich im Nachhinein als besonders schön herausstellen.

Nach Martin's Point kommt Cow Head. Der Ort liegt auf einer schmalen Halbinsel zwischen St. Paul's Bay und Shallow Bay. Seine Geschichte ist stark von der Fischerei geprägt. Wir sind hier allerdings nur auf der Parallelstraße zum Highway einmal kurz durchgefahren.

Es folgt Shallow Bay, wahrscheinlich der schönste Strand dieser Strecke. Hier zieht sich ein etwa fünf Kilometer langer heller Sandstrand an der Küste entlang. Niedrige Felseninseln schützen die Bucht vor der Brandung, wodurch sich das Wasser im Sommer vergleichsweise stark erwärmen kann. Im Herbst sammeln sich hier zahlreiche Zugvögel.

Der Old Mail Road Trail beginnt ebenfalls hier. Er folgt der alten Winterpostroute, auf der zwischen 1882 und 1952 die Post mit Hundeschlitten transportiert wurde. Die Strecke ist nur etwa zwei Kilometer lang. An beiden Enden kann man über die Dünen zum Strand gehen und zurücklaufen. Hätten wir eigentlich machen sollen, aber es war ziemlich windig geworden und wir hatten spontan keine Lust dazu. Direkt an der Shallow Bay gibt es außerdem einen Campground.

Hinter Cow Head wird die Landschaft wieder einsamer. Die Route 430 verlässt allmählich die unmittelbare Küstenlinie und führt durch die nördlichen Küstenebenen. Wir kommen durch Three Mile Rock und schließlich nach Parson's Pond. Dort überquert die Straße auf einer stählernen Kastenbrücke den Parson's Pond River.

Hier war für diesen Tag unser Wendepunkt. Wir drehten um und fuhren wieder in Richtung Rocky Harbour. Auf dem weg dorthin kamen wir dann doch noch zu einer kurzen Wanderung auf den Berry Hill.

Gegen Abend zogen die ersten Wolken auf und der Himmel bedeckte sich. Es war der Vorbote für die kommenden zwei total verregneten Tage und wir waren froh, dass wir diesen langen Küstenabschnitt bei strahlendem Sonnenschein erlebt hatten.















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