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ST. ANTHONY

St. Anthony liegt an der Nordspitze der Great Northern Peninsula und ist mit rund 2.300 Einwohnern der wichtigste Ort im Norden Newfoundlands, touristischer Anziehungspunkt und Versorgungszentrum für die Region. Für Reisende ist die Stadt vor allem Ausgangspunkt für Wale, Eisberge der Iceberg Alley, Küstenwanderungen und L’Anse aux Meadows. Gleichzeitig hat St. Anthony aber auch eine ungewöhnlich interessante Geschichte, die eng mit einem Mann namens Dr. Wilfred Grenfell verbunden ist.

Der natürliche Hafen wurde bereits im 16. Jahrhundert von französischen Fischern genutzt. Der Name soll auf Saint Anthony of Padua zurückgehen, und französische Fischer bezeichneten den Ort als Saint-Antoine.

Entscheidend für die Entwicklung des heutigen St. Anthony war jedoch Wilfred Grenfell, denn er und St. Anthony gehören untrennbar zusammen. Als junger Arzt kam er 1892 mit der "Mission to Deep Sea Fishermen" erstmals nach Newfoundland und Labrador. Sein Auftrag war zunächst, die medizinische Versorgung der Fischer zu untersuchen. Er erkannte schnell, dass die abgelegenen Küstengemeinden medizinisch praktisch völlig unterversorgt waren. Krankheiten, Unterernährung und extreme Armut waren weit verbreitet.

Während seines ersten Sommers behandelte Grenfell ungefähr 900 Menschen. Danach beschloss er, hierher zurückzukehren. St. Anthony wurde schließlich zum Zentrum seines medizinischen und sozialen Wirkens.

Grenfell gründete hier ein Krankenhaus und baute nach und nach ein weitreichendes medizinisches Versorgungssystem auf. Es entstand ein Netzwerk aus kleinen Nursing Stations, Schulen, Waisenhäusern, landwirtschaftlichen Projekten sowie Ausbildungs- und Handwerksprogrammen. Ärzte und Krankenschwestern fuhren mit medizinischen Schiffen und später auch mit Hundeschlitten in die abgelegenen Gemeinden. Später kamen Flugzeuge hinzu. Die medizinische Arbeit erstreckte sich schließlich über die Küste Labradors und die nördliche Halbinsel Newfoundlands. Das war für die Menschen im Norden von enormer Bedeutung.

Grenfell war außerdem ein ausgesprochen begabter Fundraiser und Redner. Er reiste immer wieder durch Kanada, die USA und Großbritannien und sammelte Geld für seine Mission. Dadurch wurde er international bekannt. Im Museum findet man Korrespondenzen Grenfells mit amerikanischen Präsidenten, britischen Royals und sogar Wilbur und Orville Wright. 1927 wurde er für seine Arbeit zum Ritter geschlagen und durfte sich fortan Sir Wilfred Grenfell nennen.

Seine Mission brachte zwar enorme Verbesserungen bei Medizin, Bildung und sozialer Versorgung, gleichzeitig förderte sie aber auch eine Sesshaftigkeit, die nicht unbedingt zu den traditionellen saisonalen Lebensweisen der Menschen passte. Historiker weisen deshalb oft auch auf kulturelle Spannungen und die teilweise Übertragung britisch-nordamerikanischer Vorstellungen auf die lokale Bevölkerung hin. Das schmälert seine medizinische Leistung nicht, erzählt die Geschichte aber wesentlich differenzierter.

In St. Anthony kann man diese Geschichte besonders gut bei den Grenfell Historic Properties nachvollziehen. Zum Komplex gehören mehrere historische Gebäude, darunter Grenfells ehemaliges Wohnhaus Grenfell House. Das Anwesen liegt in einem schönen Garten und vermittelt einen guten Eindruck vom Leben des Arztes und Missionars. Direkt hinter dem Haus beginnt der Tea House Hill Trail. Der Weg war einer von Grenfells Lieblingsplätzen und führt zu einem Aussichtspunkt mit einem Denkmal. Die Aussicht auf St. Anthony und die Küste macht den Spaziergang besonders lohnend.

Interessant sind außerdem das Grenfell Interpretation Centre und die historischen Gebäude der medizinischen Mission. Das Zentrum ist als selbstgeführte Ausstellung konzipiert. Es gibt zahlreiche Ausstellungsstücke und historische Dokumente, außerdem wird täglich ein etwa 14-minütiger Film über Grenfell und die Grenfell Mission gezeigt.

Auch der Souvenir Shop dort lohnt einen Besuch: Hier findet man viele Handarbeiten und Kunsthandwerk aus der Region in einem Laden. Wir haben uns einen Puffin aus Glas gekauft, der leider später nach dem Unfall mit dem Camper einen Sprung am Bauch hatte. Auch die wunderbar duftende Seife von hier, die 10 CAD gekostet hat, war danach leider verschwunden.

Dr. Grenfell war aber nicht nur Arzt. Er engagierte sich auch für Bildung, Handwerk, Landwirtschaft und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung. Kein Wunder, dass man bis heute sein Andenken hier hochhält.

Der St. Anthony Harbour liegt geschützt an einer großen Bucht. Der Hafen ist bis heute vom Fischfang geprägt, auch wenn der Tourismus inzwischen ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

Northland Discovery Iceberg & Whale Tours bietet die bekannte Discovery Tour an. Die reguläre Tour dauert etwa 2 bis 2,5 Stunden und startet in St. Anthony, hinter dem Grenfell Interpretation Centre. Gefahren wird mit einem 50-Fuß-Schiff mit beheizter Kabine, Toilette und einem Naturführer oder Biologen an Bord. Das wollten wir eigentlich machen, haben aber spontan keinen Platz mehr bekommen und sind dann zu Daily Catch Ocean Tours in Griquet gegangen.

Eisberge konnten wir in St. Anthony schon vom Land aus sehen, die Boote haben wir beobachtet, und sie sind um die gleichen herumgefahren. Eisberge kommen oder kommen nicht, und Wale sind Wildtiere, also ist beides nicht bestellbar, und die Bedingungen ändern sich jedes Jahr. Auch in St. Anthony gibt es keine Garantie.

Da wir am vorherigen Tag bei Regen nichts unternehmen konnten haben wir uns hier nicht mit der Stadtbesichtigung aufgehalten, sondern eher die Ziele in der Umgebung angesteuert.









Fishing Point Lighthouse

Von der Innenstadt aus fuhren wir weiter nach Osten zum Fishing Point Lighthouse. 2026 war ein sehr gutes Eisbergjahr, und hier sahen wir sie dann endlich: unsere ersten Eisberge. Genauer gesagt zählten wir rund um die Gewässer am Lighthouse und in der benachbarten St.Anthony Bight über 10 verschiedene Eisberge.

Am Ende der Fishing Point Road liegt der Fishing Point Municipal Park mit dem Fishing Point beziehungsweise dem Fox Point Lighthouse. Der heutige Leuchtturm ist allerdings noch gar nicht so alt. Er wurde 2002/2003 errichtet und steht an der Stelle der früheren Leuchtfeuer. Die ursprüngliche Leuchtturmstation hatte auch ein Wohnhaus für den Leuchtturmwärter. Dieses historische Gebäude existiert aber noch, und darin befindet sich heute das sehr beliebte Lightkeepers Cafe. Die Lage ist ausgesprochen schön: Das Restaurant bietet einen Panoramablick auf den Atlantik, und von dort kann man ebenfalls Eisberge, Wale und Seevögel beobachten. Dazu kann man hier traditionelle Gerichte mit lokalen Zutaten, vor allem aus dem Meer, bestellen.

Nebenan steht auch ein traditionelles, grasgedecktes Steinhaus, das zur historischen Anlage am Fishing Point gehört. Es handelt sich um eine moderne Rekonstruktion beziehungsweise touristische Darstellung eines nordischen Langhauses. In diesem Gebäude wird die "Viking Feast" angeboten, ein Wikinger-Erlebnis mit Essen und entsprechender Inszenierung. Sein Name Leifsbudir spielt dabei auf Leif Eriksson an, und er verbindet die Wikinger-Thematik der Great Northern Peninsula mit der Nähe zum UNESCO-Welterbe L’Anse aux Meadows.

Der eigentliche Reiz dieser felsigen Landspitze liegt aber nicht nur beim Leuchtturm. Fishing Point ist ein ganzes Aussichts- und Wandergebiet, und mehrere kurze Wege führen zu unterschiedlichen Aussichtspunkten entlang der Küste. Der Santana Trail ist dabei der anspruchsvollste Weg mit 476 Stufen bis zum oberen Aussichtspunkt.

Gerade die verschiedenen Perspektiven auf kleinere Buchten sind toll, weil man nicht immer denselben Ausschnitt der Küste sieht. Bei uns kam noch etwas ganz Besonderes dazu: Für uns wurde Fishing Point zu einem der Höhepunkte des gesamten Nordens. Von den verschiedenen Aussichtspunkten rund um den Leuchtturm hatten wir immer wieder neue Blicke hinaus auf den Atlantik, und überall schwammen Eisberge auf dem Wasser. Insgesamt zählten wir an diesem Tag tatsächlich über 10 Eisberge. Manche waren nur weiße Silhouetten am Horizont, andere deutlich größer und mit ihren bläulich schimmernden Flanken gut zu erkennen. Einige trieben direkt unterhalb der Aussichtspunkte vor uns im Meer.

Es war ein außergewöhnliches Erlebnis, die Eisberge nicht nur bei einer Bootsfahrt, sondern immer wieder von den verschiedenen Aussichtspunkten an Land beobachten zu können.

Am gegenüberliegenden Ufer der Bucht trieben zwei besonders große Eisberge, und wir beschlossen, dort hinüberzufahren. Mehr dazu auf der Seite Saint Anthony Bight.














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